r The Odyssey
Christopher Nolan, USA, GB, 2026o
Nach der zehnjährigen Belagerung Tojas und der kriegsentscheidenden List mit dem trojanischen Pferd will Odysseus mit seinen Gefährten möglichst schnell in sein Königkreich Ithaka zurückseglen, wo seine Frau von Konkurrenten um den Thron belagert wird und sein Sohn ohne Vater aufwächst. Doch bei einem Zwischenhalt einen einöugigen Riesen blendet und damti den Zorn Poseidons erregt, reihen sich die Hindernisse in ungeahnter Weise. Wird er Ithaka rechtzeitig oder je überhaupt erreichen?
Zehn Jahre brauchte der griechische Kriegsheld Odysseus laut Homer, um nach der Zerstörung von Troja in sein kleines Inselkönigreich Ithaka heimzukehren. Dort hielt sich seine Frau Penelope während zwanzig Jahren die Anwärter auf den Thron des Verschollenen vom Leib, während der gemeinsame Sohn zum Jüngling heranwuchs.
Hauptgründe für diese epische Dauer waren laut Homer der Zorn Poseidons, dessen Riesensprössling der listige Odysseus mit einem Pfahl geblendet hatte, sodann die Nymphe Kalypso, die den Kämpen auf ihrer Insel sieben Jahre lang mit Sex und Drogen einlullte.
Man muss dies kurz rekapitulieren, weil die Reise in Wahrheit noch viel komplizierter ist und sich Christopher Nolan, der Halbgott des aktuellen Blockbuster-Kinos, der verschachtelten homerischen Erzählweise heldenhaft stellt: das trojanische Pferd, die Zauberin Kirke, der blinde Seher Teiresias, der Strudel der Charybdis und die Klippen der Skylla… Alle die legendären Motive übersetzt Nolan in teils berückende Bilder und packende Szenen, vor allem aber in unsere Zeit: Odysseus (Matt Damon) wird zum Prototypen des einfallsreichen Anpackers, der das Schicksal nicht den Göttern überlassen will, Kirke zur feministischen Rächerin, welche Odysseus Gefährten mit brachialem Bodymorphing für ihre notorische männliche Gier bestraft, Kalypso zur Therapeutin, die dem schiffbrüchigen Kapitän und Gefährder seiner Gefährten das Vergessen predigt und ihn das Loslassen lehrt.
Nolans zentrale moderne Idee und der eigentliche Grund für die zögerliche Rückkehr in den gefährdeten Heimat- und Ehehafen aber ist die ernüchternde Selbsteinsicht, zu der sich Odysseus bei der Eroberung Tojas und in fast drei Stunden Erzählzeit durchringt: Kriegshelden sind bloss siegreiche Kriegsverbrecher. Nolan ist so stolz auf diese pazifistische Pointe, dass er sie uns mit einiger Penetranz einbläut und zudem – wenig einleuchtend – mit dem heiligen Prinzip der Gastfreundschaft überfrachtet, das der Ränkeschmied Odysseus mit seinem Danaergeschenk an die Trojaner gebrochen haben soll.
Umso mehr braucht es einen Schauspieler vom Kaliber Matt Damons, um die Zerknirschung des geläuterten Kriegers bei der Wiederbegegnung mit Penelope zum ergreifenden Schlüsselmoment zu verdichten. Sie hindert den gebrochenen Macho gleich darauf allerdings keineswegs am martialischen Aufräumen mit Penelopes Belagerern. Bei allem poetischen Raunen und Können: Das Blockbusterkino fordert seinen Tribut.
Andreas FurlerGalerieo
