Broken English
Jane Pollard, Iain Forsyth, GB, 2025o
Als Überlebenskünstlerin, Provokateurin und echtes Original hat Marianne mehr als sechs Jahrzehnte damit verbracht, Erwartungen zu trotzen – sie hat über 35 Alben veröffentlicht und sich dabei ständig neu erfunden. Der Film entstand unter ihrer vollständigen Mitwirkung und ist eine intime und unerschrockene Erkundung eines zerbrochenen, aber unzerbrechlichen Lebens, das von Ruhm, Kreativität und unerbittlicher öffentlicher Kontrolle geprägt ist.
Eines vorweg: Die fiktive Rahmenhandlung dieser schönen Würdigung der britischen Singer-Songwriterin Marianne Faithfull ist so selbstgefällig wie überflüssig. Tilda Swinton gibt die gestrenge Vorsitzende, George MacKay den einfühlsamen Chefarchivar eines «Ministeriums des Nicht-Vergessens», das Dichtung und Wahrheit über historische Figuren in Zusammenarbeit mit den Betroffenen und Hinterfragung überlieferter Mythen und Dokumente herausfinden will. Was uns die beiden Kunstfiguren auf Geheiss des Regiegespanns Ian Forsyth und Jane Pollard um die Ohren hauen, ist de facto die Binsenwahrheit, dass auch im Fall der 1946 geborenen Majorstochter Faithfull Klischee gewordene Halbwahrheiten den Blick auf die Künstlerin verstellen: Ex-Freundin Mick Jaggers und damit ewiges angebliches Groupie, blondes Folk- und Pop-It-Girl der 60er, davongekommener Junkie und sich neu erfindende New-Wave-Ikone der ausgehenden 70er … Doch die von chronischer Lungenerkrankung gezeichnete Sängerin lässt sich – wenige Monate vor ihrem Tod im Januar 2025 – gutwillig auf das gekünstelte Setting ein, und das Resultat gibt ihr Recht: Unwiderstehlich ihr Charisma von der Erfindung des frühen Rolling-Stones-Hits As Tears Go By über ewige Werte wie Working Class Hero und Broken English bis zu ihren Kurt-Weill-Interpretationen und einer abschliessenden Studiosession mit alten Getreuen wie Nick Cave – dem Forsyth & Pollard schon das originelle Tribute 20'000 Days on Earth gewidmet haben. Die eindrücklichste Konstante bei diesem Gang durch ein wechselhaftes Leben sind Faithfulls Ehrlichkeit und ihr Humor. Schlagfertig stellt sie sich ihren unzähligen einstigen Interviewern und deren unverblümt sexistischen Fragen über Promiskuität und Drogenkonsum, unerbittlich benennt sie selbst ihre lange Sucht als Weigerung, erwachsen zu werden, gescheite Zugabe ist zudem die intellektuelle Frauenrunde, die Faithfulls Lebenswerk aus unterschiedlicher Warte kommentiert. Kurz: Für Babyboomers ein Geschenk, für alle andern hoffentlich eine Entdeckung.
Kerstin BlankGalerieo
