Alpha
Julia Ducournau, Frankreich, Belgien, 2025o
Die 13-jährige Alpha ist ein wilder Teenager und lebt allein mit ihrer Mutter. Eine Tätowierung, die sie aus Leichtsinn im Rausch stechen lässt, stellt ihr Leben auf den Kopf. Denn ein neues Virus grassiert und Alpha wird durch die Verletzung in den Augen der anderen eine potenzielle Gefahr.
Es gibt derzeit wohl nur wenige Regisseur:innen, die so polarisieren wie die Französin Julia Ducournau. Auf ihre Kannibalen-Fabel Grave und ihren mit Woke-Theorie überfrachteten Film Titane, der in Cannes zu Unrecht ausgezeichnet wurde, folgt mit Alpha, nun einer, der nicht viele Befürworter:innen gefunden hat. Dabei ist es ein schöner Film, der das Talent und die Originalität der Regisseurin, der Königin des Body Horror nach David Cronenberg, bestätigt. In einem Kontext, der an das Frankreich der 1980er- und 1990er-Jahre erinnert, geht es um ein seltsames Virus, das seine Opfer in Marmorstatuen verwandelt. Alpha ist die jugendliche Tochter einer eingewanderten Mutter, die als Ärztin im Krankenhaus arbeitet (Golshifteh Faharani). Eine Tätowierung, die sie sich während einer Party mit einer zweifelhaften Nadel stechen lässt, löst bei ihrer Mutter Panik und in der Schule Spott aus. Da erinnert sich Alpha an ihren drogenabhängigen Onkel (ein stark abgemagerter Tahar Rahim), den ihre Mutter bei sich aufgenommen und in Alphas Zimmer untergebracht hatte. Ein ungewöhnliches Zusammenleben, das sie sich vorstellt, bis sie eine verdrängte Erinnerung wiederfindet. Der gesamte Film spielt somit auf zwei Zeitebenen, die trotz eines recht eindeutigen Rot-Blau-Farbcodes manchmal schwer zu unterscheiden sind. Mit einer doppelten Metapher für die AIDS-Jahre und die Ausgrenzung maghrebinischer Einwanderer in den Vororten ist dies ein ebenso grosszügiger wie gewagter Film, in dem Liebe und Mitgefühl schliesslich in Bildern von grosser Poesie herzzerreissend zum Ausdruck kommt.
Norbert Creutz
