r Modern Times
Charles Chaplin, USA, 1936o
Der Tramp malocht als Fliessbandarbeiter bis zum Nervenzusammenbruch und reiht sich in das Heer der Arbeitssuchenden während der grossen Wirtschaftskrise ein. Als vermeintlicher Streikführer, Werftarbeiter, akrobatischer Nachtwächter und singender Kellner schlägt er sich an der Seite eines Waisenmädchens durch und beweist, dass man sich nur selber und gegenseitig helfen kann, wenn sonst nichts hilft.
Charles alias «Charlie» Chaplin war mit gutem Grund der wohl grösste Star der ganzen Stummfilmzeit. Mit der Figur des heimat- und brotlosen «Tramp», der sich mit Schlauheit dennoch behauptet, schuf er eine Identifikationsfigur für Millionen von Eingewanderten und Underdogs im «Land der unbegrenzten Möglichkeiten». In Modern Times, entstanden mitten in der grossen Wirtschaftskrise der 1930er Jahre, hat es der Tramp anfänglich nur ans Fliessband einer Fabrik geschafft, wo er in mörderischem Tempo Bolzen festschrauben muss. Was daraus hervorgeht, ist ins Inventar der ikonischen Bilder des 20. Jahrhunderts eingegangen: Charlies nervöser Tick, der auch die Knöpfe am Kostüm der Chefsekretärin für Bolzen hält, der visionäre Überwachungsalptraum vom Direktor, der die Arbeiterschaft über allgegenwärtige Bildschirme ausspioniert, schliesslich die symbolträchtige Szene, in der Charlie in das Räderwerk der Maschine hineingesogen wird. Doch dies ist nur der Auftakt des Films, der sich zu einem Panoptikum der damaligen sozialen Not weitet, nachdem die kapitalistische Ausbeutungsmaschinerie Charlie als psychiatrischen Fall ausgespuckt hat: Kaum «geheilt», wird er zum vermeintlichen Streikführer, zum glücklosen Werftarbeiter und Beschützer eines kämpferischen Waisenmädchens (Paulette Goddard, ab 1936 Chaplins Ehefrau), zum Nachtwächter in einem Warenhaus, zum singende Kellner ... Jede diese lose verbundenen Episoden dreht sich um den Konflikt zwischen Habenichtsen, Besitzenden und ihrem Machtapparat, jede endet – brillanter Running Gag und dramaturgischer Kitt – mit Charlies Inhaftierung. Am schönsten aber sind die mirakulösen akrobatischen Einlagen, mit denen Chaplin bald als durchdrehender Arbeiter, bald als Rollschuhfahrer mit Augenbinde, schliesslich als pantomimischer Sänger unter Beweis stellt, dass Gesten und Taten im Kino auch acht Jahre nach Anbruch der Tonfilmära ungleich mehr sagen als alle Worte. Ganz nebenbei waren er und die weiteren Slapstick-Superstars auch die Erfinder des Actionfilms.
Andreas Furler
